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Weimarer Sommerkurse 2000

"Zukunftsfähiges Europa" - ein spannendes Thema

Viele kamen von sehr weit her: Ihre Stadt Krasnojarsk und Weimar trennen 7000 Kilometer. Fast eine Woche war sie unterwegs. Mit der transsibirischen Eisenbahn zwei Tage und drei Nächte bis Moskau. Nur Wälder, Wälder, Wälder. Nun gut, es gab einen Schlafwagen und Teewasser und alles, was der Mensch so braucht. Dann noch einmal 24 Stunden im Zug, und trotzdem bei der Ankunft hellwach. Guten Tag, Irina!

Im fernen Tbilissi, wo die Seidenstraße beginnt, an der Nahtstelle zwischen Europa und dem Orient, waren sie ins Flugzeug nach Frankfurt gestiegen, dann mit dem Regional-Express durch das 'grüne Herz Deutschlands' nach Weimar gebummelt. Herzlich willkommen, Nino, Pako, Konstantin!

Sie nutzten die transkontinentalen Buslinien, die von Riga oder Vilnius aus die Transiträume Mitteleuropas durchqueren. Das strapaziöse, aber billige Verkehrsmittel der Wanderarbeiter, Rucksack-Touristen und Studenten. Seid gegrüßt, Kristine und Deniss, Antanas und Audroné!

Manche kamen aus Städten, wo - gerade mal ein Jahr her! - Cruise Missiles punktgenau in petrochemische Fabriken eingeschlagen waren und verheerende Giftwolken freigesetzt hatten. Schön, daß ihr kommen konntet, Meral aus Pancevo und Mihajlo aus Belgrad!

Die Sprache jedenfalls war keine Barriere. Selbst einer, der zum erstenmal in seinen Leben in Deutschland war, sprach ein reichhaltigeres Deutsch als manch einer seiner hiesigen Altersgenossen. Hut ab vor Michail, 20 Jahre jung, aus Rostow am Don.

Einige kamen aus der Nähe. Aus der EXPO-Stadt Hannover, hi Silke, aus Göttingen, hallo Gerald, oder vom Dorf nebenan, hallo Carmen!

Aus dem Internet hatten sich die meisten erste Infos über die 'Weimarer Sommerkurse' gefischt. Manchmal war ein Anruf vom örtlichen Goethe-Institut der Auslöser gewesen, manchmal ein Aushang in der Instituts-Bibliothek oder die Empfehlung eines Gastprofessors. Alles Weitere wurde per e-mail geregelt. Von der Bewerbung und der Bestätigung bis zur Visabeschaffung und Fahrplanauskunft. Klingt einfach, war aber ziemlich arbeitsintensiv und ging nur mit viel Energie und Willensstärke ab. Danke, Burkhardt!

"Jetzt bin ich da, und ich bin glücklich". Schön, schlicht und warmherzig gesagt, Valentina!

"Weimarer Sommerkurse Zukunftsfähiges Europa" - Das Etikett war griffig, die Inhalte eher sperrig und gar nicht zeitgeistig. Das Vorhaben war vielmehr ausgesprochen ehrgeizig. Avantgardistisch in mehrfacher Hinsicht:

Sustainable Europe, zukunftsfähiges Europa: Die Idee der Nachhaltigkeit zum Kompass für die Erneuerung und Einigung des Kontinents zu machen - diese Vision gehört vielleicht zur 'Seele Europas'. Im Maastricht-Europa wird sie jedoch erst von einer Minderheit innerhalb der politische Klasse und von relativ schwachen NGOs und Agenda 21 Gruppen geteilt.

Selbst dort, wo sustainable development zum Leitbild geworden ist, fehlen allzu oft die Tiefendimensionen. Die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie ist im Griff von Planungsstäben aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Juristen. Daraus einen neuen 'zivilisatorischen Entwurf' (Hans Glauber) zu entwickeln, zu diesem Zweck die philosophischen und spirituellen Dimensionen von Nachhaltigkeit auszuloten - das geschieht in Deutschland, in Europa - und weltweit - erst in kleinen Zirkeln und 'think tanks'.

Und nicht zuletzt: Kann man die Kultur der Nachhaltigkeit zum Thema eines Ost-West-Dialogs machen. Skepsis war angebracht. Gibt es in den postsozialistischen Gesellschaften Osteuropas nicht brennendere Probleme?

"Was ich genau weiß, ist, daß ich mich weiter mit deutscher Kultur beschäftigen werde", sagte Nino Schanawa, die georgische Kafka-Forscherin (und VW-Repräsentantin) auf die Frage, was sie sich von der Teilnahme an den 'Sommerkursen' für die eigene Perspektive verspreche.

"Ich beschäftige mich schon seit 10 Jahren mit interreligiösen und interkulturellen Projekten," meinte auf dieselbe Frage Irina Selesnjova, die an der Pädagogischen Universität Krasnojarsk unterrichtet. Hier habe sie die Chance, profilierten und authentischen Vertretern der Weltreligionen zu begegnen. "Ein lebendiges Bild zu bekommen", ergänzte Valentina Nikitenkowa, Juristin und Deutschlehrerin an der Universität Saratow, "das ist wirklich viel interessanter als nur Bücher zu lesen."

Holger Grimm schließlich, der als Ingenieur für Versorgungstechnik ein 'start-up Unternehmen' in der 'new economy' betreibt, erhoffte sich schlicht und einfach eine erste Einführung in philosophisches Denken.

Allgemeine philosophische, religionswissenschaftliche und spirituelle Fragestellungen standen bei den meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Vordergrund des persönlichen Interesses. Deren Verknüpfung mit dem Konzept der Nachhaltigkeit war für viele neu und ungewohnt.

Aber: "Überall auf der Welt weiß man, was mit dem Planeten geschieht. Ich glaube, da ist niemand, der gar nichts darüber weiß", sagte Meral Tarar-Tutus. Daß ökologische Fragen wichtig sind, war Konsens. Diese Offenheit war eine Basis für die Durchdringung des Themas.

Würden die Visionen und Intentionen der Veranstalter mit den existenziellen Problemen, den Erfahrungen und Erwartungshorizonten der Teilnehmer zusammenkommen? Was könnte man voneinander lernen? Diese Fragen waren zunächst offen. Die ersten 'Weimarer Sommerkurse' waren ein Experiment. Man bewegte sich im Neuland.

Ein heimlicher Verbündeter sollte sich als zuverlässig erweisen: der genius loci, der Lernort Weimar. Die Stadtführung von Frithjof Reinhardt, dessen Begeisterung jeden ansteckte, vermittelte den ersten Überblick. Zwei Wochen lang nahmen die Teilnehmer dann am Leben der Stadt teil. Die 'Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte' ist ein idealer Standort: Zwei sorgfältig restaurierte Jugendstilvillen mit hochmodern ausgestatteten Seminarräumen; die am Bauhausstil orientierte funktionale Glas-, Holz- und Betonbauweise der Mensa- und Wohntrakte, umgeben vom alten Baumbestand des Musäus-Gartens; das Reithaus, ein Dokument des klassischen Weimar. Die exquisite alte und die exquisite neue Architektur der EJBW ließen schon das Spannungsfeld von Klassik und Moderne ahnen, das so wohl nur in Weimar existiert.

Der Internet-Zugang auf dem Computer-Bildschirm, durchs Fenster der zarte Ton der Glocke vom Schloßturm, die vielleicht schon zur Goethe-Zeit so geklungen hat...

Neun Minuten zu Fuß, und man stand vor Goethes Gartenhaus. Fünfzehn Minuten bis zur Herder-Kirche. Hier hatten Goethe und Herder über das 'Klima' und die natürlichen Lebensbedingungen auf dem 'Wohnplatz Erde' geforscht und philosophiert. Hier hatten sie versucht, in Stein und Blume und Baum Gott zu finden. Von diesem Städtchen aus hatten sie die Kommunikation mit den Weltkulturen gesucht, während im benachbarten Jena Novalis forderte: "Wir müssen die Erde als Ein Gut betrachten und von ihr Oeconomie lernen."

Diese überall spürbaren - grünen - Traditionslinien der Weimarer Klassik und Jenaer Frühromantik gaben den Sommerkursen ihr besonderes Fluidum.

Der August-Vollmond zog über Stadt, Fluß und Park auf, als man den Auftakt der Sommerkurse feierte. Der Innenhof des ehrwürdigen Kirms-Krackow-Hauses im Herzen der Altstadt war Schauplatz der Fete. Jeder hatte etwas aus seiner Heimat mitgebracht: Serbischen Obstschnaps, russischen Kaviar, Honigkuchen, Glückskekse, selbstgebackenes Brot, Thüringer Wurst, georgischen Rotwein und, und, und... Die Meister der Trinksprüche (auf Deine Gesundheit, Konstantin!) traten in Aktion.

"Auf ein zukunftsfähiges Europa!"