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Weimarer Sommerkurse 2000

„Der Himmel wartet nicht!“

Protokoll eines Gespräches mit Dr. Hans Glauber, Leiter des Öko-Institutes Bozen/Südtirol

Du hast in Deinem Seminar die Idee eines 'zweiten solaren Zeitalters' in den Mittelpunkt gestellt. Kannst Du diesen Gedankengang noch einmal kurz skizzieren?

Hans Glauber: Das jetzige fossile Zeitalter, in dem die Energieversorgung über fossile Brennstoffe läuft, ist eigentlich nur eine kurze Episode in der Geschichte der Menschheit. Bis vor etwa 150 Jahren wurden die Energie, die Lebensmittel, die Mobilität quasi von der Sonne geliefert. Man hat also z.B. den Energiebedarf insofern mit der Sonne gedeckt, als man Holz verbrannte, und Holz ist nichts anderes als gespeicherte Sonnenenergie. Das Ganze passierte allerdings auf einem relativ niedrigen zivilisatorischen Niveau. Mit einer geringen Güterausstattung. Auch mit Not. Dann kamen die fossilen Brennstoffe und haben unserer technischen Zivilisation einen Riesenschub gegeben. Das Öl war sozusagen der Saft der Zivilisation. Die Not wurde auf weiten Strecken aufgehoben. Wir sind zum Teil in eine Überflußgesellschaft hineingekommen. Das Ganze war und ist aber nicht ohne Preis.

Wo siehst Du die zentrale Herausforderung?

Der Preis ist die Schädigung des Klimas, des Weltklimas. Das ist der Preis, den wir bezahlen, und dieser Preis wird enorm hoch werden, ist bereits heute zu spüren. Das heißt, wir müssen da wieder aussteigen. Und wir werden auch aussteigen, aus dem einfachen Grund: Die fossilen Energiequellen sind begrenzt. Man spricht von 40, 50 Jahren für Öl zu den jetzigen Förderraten und den jetzigen Preisen. Für Methan ein bißchen mehr, für Kohle ein paar hundert Jahre, aber immerhin begrenzt. Irgendwann ist es zu Ende. Das heißt: Wir müssen wieder umsteigen, wir müssen wieder zurück sozusagen ins solare Zeitalter. Und das wäre heute dank der Technik auf einem ganz anderen, erheblich höheren zivilisatorischen Niveau möglich.

Ist die solare Revolution eine realistische Option?

Es wäre möglich, den Energiebedarf von rund zehn Milliarden Menschen mit nur einem 5000stel der Sonnenenergie, also der Energie, die uns die Sonne tagtäglich schenkt, zu befriedigen. Das Potential ist da. Wir müssen es nur nutzen. Und wie gesagt, intelligent nutzen, und auf einem höheren technologischen Niveau nutzen. Damit wir eine vernünftige zivilisatorische Ausstattung, also Lebensstandard, haben können.

Die grünen Visionen sind ausgereift, greifbarer geworden. Gleichzeitig ist das Thema Ökologie auch auf den Wohlstandsinseln des Westens in der Liste der Prioritäten abgerutscht. Ein Widerspruch?

Es ist sicherlich wahr, daß Ökologie heute in der Skala der Probleme weit unten rangiert. Ganz oben rangiert Arbeitslosigkeit, und dann kommen neue Probleme wie Ausländer und dergleichen. Das heißt aber nicht, daß nicht weiter einiges passiert. Vielleicht sogar mehr als früher. Ökologie ist zu einer normalen Angelegenheit geworden, rangiert vielleicht gar nicht mehr unter dem Etikett Ökologie. Selbst das Kapital hat die Einsparpotentiale, rein ökonomisch gesehen, entdeckt. Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die ökologisch wirtschaften. Es gibt zum Beispiel ökologische Zertifizierungen für Unternehmen. Die machen das ja nicht nur so, weil es Spaß macht, sondern das bringt auch was. Also es tut sich doch, glaube ich, mehr als man meint. Es steht nicht mehr im Vordergrund der Debatte, sondern passiert mehr im Stillen. Aber da passiert einiges.

Braucht es nicht noch einen enormen Schub, um diese Ansätze aus der Nische in die Normalität zu rücken?

Es braucht sicherlich einen Schub. Der Weg ist lang, und das Ziel wird ein wirkliches Umkrempeln unserer Zivilisation sein müssen. Ziel ist eine Zivilisation, die viel, viel ressourcenleichter ist als die heutige, eine, die eben auf erneuerbaren Energien aufgebaut ist. Sie wird ein neues zivilisatorisches Modell sein.

Wie ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen?

So etwas in die Köpfe hineinzukriegen, ist eine Riesenaufgabe. Es ist natürlich schwer, die Wohlstandsvorstellungen zu ändern, die wir haben, und die uns ja nicht zuletzt durch die Werbung tagtäglich neu wieder aufgefrischt werden. Die sitzen sehr fest in unseren Köpfen. Und es gibt nichts Schwierigeres, als Vorstellungen zu ändern. Das dauert sehr lange. Aber da gibt es auch schon kleine Ansätze. Es gibt Gegenmodelle und Gegenentwürfe, auch was Lebensstile anbelangt: Wohnen ohne Auto, neue Mobilitätsformen nutzen usw. Die sind übrigens sehr erfolgreich.

Diese Erfolgsgeschichten wären dann Keimformen des neuen zivilisatorischen Entwurfs oder, wie man beim Wuppertal Institut sagt, der neuen Wohlstandsmodelle?

Man muß hinterfragen, was wir wirklich brauchen. Was aber nicht heißt und auch nicht heißen darf: Verzicht. Es geht einfach um eine vernünftigere Befriedigung unserer Bedürfnisse. Es macht mich nicht glücklich, wenn ich, um das banale Beispiel zu nehmen, die Erdbeeren zu Weihnachten habe. Das ist für mich kein Wohlstand. Für mich ist Wohlstand, wenn ich mich drauf freuen kann, daß irgendwann mal im Mai die Erdbeeren reifen in meiner Region. Die schmecken auch im übrigen viel besser als die importierten. Genauso ist es für mich absolut kein Verzicht sondern ein Gewinn, in der Stadt mit dem Fahrrad zu fahren. Also wir müssen wirklich überlegen, was echter Wohlstand ist. Und man hat oft den Eindruck, daß sich die Leute mit diesen jetzigen Wohlstandsvorstellungen total stressen. Und daß sie im Grunde genommen wenig Spaß haben. Also diese kurzlebige Befriedigung von Bedürfnissen, alles immer jetzt und überall, was typisch für unsere Wohlstandsgesellschaft ist, ist im Endeffekt, glaub ich, nicht sehr glücklichmachend. Unökologisch natürlich auch.

Du hast in diesem Zusammenhang von der Eleganz der Einfachheit gesprochen.

Wir haben mal bei den Toblacher Gesprächen so ein Motto geprägt: Langsamer, weniger, schöner. Und das sind vielleicht so die Koordinaten des neuen Wohlstandsmodells. Eine Entschleunigung, die sehr, sehr wichtig ist. Das Weniger kann auch glücklicher machen, nicht diese absolute Übersättigung, ständige Übersättigung. Dafür das Bessere, die Qualität, das Langlebigere, und das Schöne, ja.

Schönheit und Ökologie werden im üblichen 'Öko'-Diskurs selten verknüpft. An Deinem Öko-Institut in Südtirol, vor allem in den von Euch seit Anfang der 90er Jahren veranstalteten Symposien, den 'Toblacher Gesprächen' denkt Ihr schon länger über diesen Zusammenhang nach. Mit welchen Ergebnissen?

Wir haben vor zwei Jahren darüber in Toblach eine Tagung gemacht. Erstaunlicherweise war so etwas wie ein roter Faden die Schönheit der Begrenzung, der Grenze, die Schönheit des Weniger, eben auch die Eleganz der Einfachkeit. Wir haben das anhand von konkreten Bereichen durchexerziert. Im Städtebau z.B. ist die Begrenzung der Stadt ein absolutes Muss aus dem Gesichtspunkt der Schönheit. Also was die Städte häßlich macht, ist dieses Ausufern in die Landschaft. Was die mittelalterlichen Städte Mittelitaliens schön macht, ist ihre Begrenzung, daß sie sich innerhalb der Grenzen entwickelt haben. Das ist die neue Herausforderung. Daß wir uns innerhalb der Grenzen weiterentwickeln. Daraus das Maximum rausholen. Das hilft uns weiter. Aber nicht die Überfülle, nicht die Quantität.

Also das Schöne ist nicht das absolut Barocke, Redundante, sondern eben das Weniger, die Begrenzung. Es gibt sicherlich auch in der Kunst Bestrebungen, die in die Richtung gehen. In der Musik heißt das, mit möglichst wenig musikalischen Mitteln auszukommen, viele Variationen usw. In der Architektur zeichnet sich so etwas ab. Wenn man nach Freiburg in dieses neue Öko-Viertel Vauban geht, kann man das vielleicht erahnen. Das ist eine neue Ästhetik, die sehr befreiend ist. Der Maßstab ist das Weniger, und ich glaube, auch die Produkte, die mit wenig Material auskommen, und daraus dann ihren ganz spezifischen Stil entwerfen, sind die Produkte, die in Zukunft schöner sein werden.

Das Feld ist noch offen. Man kann ja nicht einen Schönheitsbegriff vorgeben, sondern der entwickelt sich weiter, und der Geschmack wird sich auch weiterentwickeln. Und wir werden möglicherweise diese einfacheren Sachen mehr lieben als diese Fülle, die zum Teil erdrückend ist. Also wenn man in einen Supermarkt geht, dann wird man ja oft, also mir passiert es zumindest, erschlagen. Und das ist für mich ein Gefühl der Häßlichkeit.