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Weimarer Sommerkurse 2000

Resonanzen der Teilnehmer

Kristine Pavlovska (Lettland)

Ich habe jetzt verstanden, daß die Dinge sich ändern können. Durch den Dialog. Alle, die hierher kamen, wurden in irgendeiner Art und Weise verändert, sind jetzt, voller Hoffnung, ja, auf eine andere Zukunft. Wir haben die Vision, wie das aussehen kann, jetzt klar gesehen. Man muß handeln. Und die meisten von uns werden auch irgendwas tun. Ob es nur klein wird, ein Artikel irgendwo, was weiß ich. Aber es ist schon ein Beitrag. Und es wird noch Seminare geben, und es kommen andere Leute. So geht es weiter.

Prof. Elsayed Elshahed (Ägypten)

Sehr wichtig ist, daß wir Texte aus dem Koran und von der prophetischen Überlieferung gelesen haben, auf diese Denkanstöße hingewiesen und drüber diskutiert haben. Das heißt, wir haben gesehen, wie es eigentlich im Originaltext im Koran oder in der Sunna steht. Und was man daraus lernen, und was man heute noch verwenden kann...

Wir haben über das Problem Wasser gesprochen, und wir haben gesehen, wie der Koran, wie die Sunna das Wasser als heilig ansieht. Und wie der Prophet Muhammed gesagt hat, daß niemand mehr Wasser verbraucht, als er notwendig unbedingt braucht, und der andere Teil sozusagen für die anderen da ist. Wer damit verschwenderisch umgeht, den wird Gott dann bestrafen. Also ein religiöser Rückhalt ist eindeutig und sehr deutlich da im Koran und Sunna, wie man mit Wasser umgehen soll... Und für viele Teilnehmer war das was ganz Neues... Weil die Massenmedien und sonstige Veröffentlichungen sich damit nicht beschäftigen...

Ich fand die Teilnehmer sehr offen und sehr aufgeschlossen, auch kritisch. Aber was mich besonders gefreut hat: Daß eine gewisse Wißbegier da ist. Die wollten etwas wissen. Sie haben nicht wiederholt, was man hier in den Massenmedien über den Islam sagt, sondern sie haben Fragen gestellt und wollten tatsächlich wissen. Sie haben auch zugehört, was man sagt. Und von vornherein wußte ich, das habe es auch selber gesagt: Was ich vortrage, oder was ich sage, ist vielleicht eine Weltanschauung, die Ihnen fremd ist. Ich verlange von niemandem, diese Weltanschauung zu übernehmen oder zu akzeptieren, so wie sie ist, aber wir reden dann über Einzelheiten dieser Weltanschauung.

Maria Kronfeldner (Regensburg)

Was ich sehr beeindruckend fand, daß hier wirklich die unterschiedlichsten Leute aufeinander getroffen sind... aus unterschiedlichen Kulturen und Lebenswelten... Vor allem habe ich gemerkt, daß es in so vielen Aspekten, vor allem in ethischen und moralischen Sachen gemeinsame Grundüberzeugungen gibt. Und das hat einen wunderschönen Diskurs einfach möglich gemacht. Gleichzeitig die Differenz zu sehen und zu leben, als auch etwas Verbindendes zu haben. Das war schön hier zu erleben. Nicht nur für einen Tag mit Leuten zu reden, die aus einer ganz anderen Kultur kommen, sondern zwei Wochen mit ihnen zu diskutieren und zu leben. Das war sehr bereichernd...

Und das offene Diskussionsklima war auch da in Bezug auf das Thema, nicht nur generell. Bevor ich losgefahren bin, dachte ich mir: Häufig ist es so, daß Ökologie entweder flach diskutiert wird, oder es wird ideologisch diskutiert. Und beides war in diesem Kurs über die philosophisch-ethischen Aspekte der Moderne in Bezug auf Nachhaltigkeit und Ökologie nicht der Fall. Also es wurde weder ideologisch diskutiert noch wurde flach diskutiert. Es ist eigentlich das erste Mal, das ich sowas erlebe...

Ich könnt jetzt nicht die gemeinsamen Werte herausfiltern. Was sich herausgestellt hat: Es sind die gleichen Fragen und Probleme. Und Antworten haben wir alle nicht. Weil es sehr komplexe Fragen sind. Natürlich wollen wir alle Gerechtigkeit und haben bestimmte Grundwerte wie Liebe und Würde des Menschen. Aber das bleibt auf einer platten Ebene. Man hat ja in der Diskussion gemerkt, daß nicht nur auf dieser Ebene Gemeinsamkeiten da sind, sondern auf einer Ebene, die ich jetzt aber nicht inhaltlich benennen könnte. Es war ein Gefühl da, daß eine grundsätzliche Gemeinschaft da ist, die dann vieles im Zusammenleben und im Diskurs möglich macht...

Vielleicht hat es weniger mit Werten zu tun, als mit dem Hintergrund des philosophischen Denkens, das diese Gemeinsamkeit ausmacht. Es ist nicht so sehr die Philosophiegeschichte als gemeinsamer background, es ist die philosophische Haltung als gemeinsamer Zugang zu den Problemen...

Es gab sehr viele, ganz kleine Momente, wo es ganz hell wurde.

Gerald Wilms (Göttingen)

Es schien mir manchmal fast zwanghaft zu sein, politische Ebenen ausblenden zu wollen. Die Ersetzung des Politischen durch das Metaphysische. Durchaus richtig im Sinne der alten Philosophien, die wir aufgenommen haben. Da kommt das eben sehr oft zum Ausdruck. Ich glaube, Spinoza hat sich auch keine Gedanken über Politik gemacht, sondern eben über die Einheit von Natur und Mensch. Es schien mir, als sei aus den Philosophien eben sehr viel ausgewählt worden, quasi also eine Art Beweisführung, mit der bewiesen werden soll, daß es eine Zukunft geben kann, in der Politik keine Rolle spielt. 2000 Jahre Erfahrung weisen mich auf etwas anderes hin. Ich denke, daß wir das, was wir an Errungenschaften haben, z.B. gegenüber dem 19. Jahrhundert, eine Einschränkung des Egoismus sind. Alles was wir als sozialen Fortschritt bezeichnen, ist eine politische Maßregelung des Eigeninteresses, das vielleicht eben doch nicht so wohlverstanden ist im Einzelfalle. Und deswegen habe ich Politik eigentlich eher als etwas Positives begriffen. Politik in einem ganz allgemeinen Sinn, nicht im Sinne von einer Parteipolitik oder einer Politik, wie sie gegenwärtig betrieben wird. Deswegen glaub ich, Politik ist weiterhin sehr notwendig... Ich bin durchaus fähig, Utopien zu entwickeln, und ich würde mich, wenn ich mich selber beschreiben darf, sagen, ich bin durchaus ein Utopist. Aber meine Utopien richten sich auf das Politische.

Prof. Dr. Paul Schwarzenau (Dortmund)

Die grüne Bewegung würde eine ungemeine Belebung bekommen, wenn sie mit solchen Goetheschen Impulsen, die dann letztlich wieder auf die Wurzel aller deutschen Philosophie zurückgeht, angereichert würde. Ich bin der Meinung, daß das wiederkommt. Die Frage ist, ob daran Westdeutschland und Ostdeutschland sich finden oder sich wechselseitig ablehnen. Ich hab mich sehr gewundert, mit welcher Selbstverständlichkeit alle Teilnehmer auch die Verpflichtungen, die in diesen Philosophien lagen, als notwendig für das Überleben der Kultur, die Zukunft der Kultur und die Zukunft der Natur ansahen und nicht etwa sagten, das sei Rigorismus usw. Denn das kann es ja nicht sein. Denn es ist ja gleichzeitig mit der Kunst verknüpft. Diese Bewegungen sind immer Bewegungen aus Dichten und Denken. Die Frühromantiker, das waren Grüne, das war nicht nur Goethe, sondern die gingen ja noch viel weiter...

Dr. Wilhelm Schmid (Berlin)

Was meine Erfahrung angeht, war das Seminar hinreißend. Es war eine sehr konzentrierte kleine Gruppe, die voll bei der Sache war. Und auch die Schwachpunkte immer sofort aufgespürt hat, die im Raum gestanden haben. Es war eine konzentrierte Arbeit möglich über Themen, von denen ich den Eindruck gewonnen habe, das ist nicht nur etwas, was Westeuropäer interessiert, sondern genaso auch Mittel- und Osteuropäer, weil es um ihre Welt genauso geht, je nach dem wie die Gesellschaft, in welcher Epoche ihre Gesellschaft existiert. In der Prämoderne oder Moderne oder Postmoderne oder andere Moderne. Es handelt sich bei jeder Gesellschaft um ein bestimmtes Gebräu aus diesen verschiedenen Begriffen. Aber ich hatte den Eindruck, daß es für jeden klar war, daß es um ihn und seine Welt jeweils geht. Und das nicht nur, um zu erklären, wie es zu dieser Welt gekommen ist, in der wir leben, sondern auch um eine Idee zu haben, wohin die Entwicklung sinnvollerweise weitergehen kann. Soweit wir in diese Entwicklung steuernd eingreifen können. Und ich persönlich glaube daran, daß einzelne Individuen auch in geschichtliche Entwicklungen eingreifen können. Nicht als Napoleon, nicht als Caesar, sondern an ihrem kleinen Plätzchen, an dem sie stehen...

Dieses Konzept stimmt. Das kann man fortsetzen vom Organisatorischen, vom Thematischen her. Ich weiß ja, welches menschliche Potential, welche menschlichen Ressourcen in Osteuropa vorhanen sind. Das ist buchstäblich überwältigend. Gerade in einem klitzekleinen Land wie Georgien. Das ist eine extraordinäre Kultur, die uralt ist. Dadurch überstehen sie auch die gegenwärtigen Schwierigkeiten jedenfalls müheloser, als wir Deutschen sie überstehen würden. Denn sie leben aus ihrer Geschichte heraus. Sie haben in ihrer Geschichte schon ganz andere Dinge überstanden. Diese Geschichte ist zweieinhalbtausend Jahre alt und hat mich belehrt darüber, daß zum Selbstverständnis von Menschen, zur Selbstsicherheit keineswegs nur materielle Dinge beitragen, sondern ideelle Dinge ganz massiv beitragen können. Es kann sein, daß ich keine Suppe zum Essen habe, aber ich kann mich ernähren sozusagen aus dem Bewusstsein, in einer alten Kultur ansässig zu sein.

Deniss Hanovs (Lettland)

Die Atmosphäre ist wunderschön. Sehr schön, daß meine eigene Generation hier ist - mit sehr verschiedenen Interessen, aber mit gleichen Problemen, mit neuen Impulsen, und ich fühl mich irgendwie nicht alleine da in meinem Zimmer oder in der Bibliothek. Und dann hab ich wahrscheinlich so einen Impuls: Das was ich (zu Hause) mache und was ich dem opfere, ist nicht umsonst... Hier ist ein..., es ist kein Kastengefühl, nein, es ist etwas anderes, ein Gruppengefühl. Ich fühle, daß in dieser Generation, wenn alle von uns - besonders in den neuen demokratischen Ländern - diesen wirtschaftlichen Druck aushalten können, daß eine wirklich übernationale Gruppe der Intellektuellen wieder entsteht. Wie es in der Reformation oder der Renaissance war. Wo wir alle eine gemeinsame Gegenwart haben und wahrscheinlich auch eine gemeinsame Vergangenheit, wenigstens was die osteuropäischen Länder betrifft, aber auch eine gemeinsame Zukunft haben - mit den Deutschen. Das ist sehr schön, daß wir hier nicht nur Gäste sind, sondern auch gleichberechtigte Partner. Ich hoffe, es wird auch den deutschen Studenten und Professoren von uns etwas geben.