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Weimarer Sommerkurse 2000

Dr. Wilhelm Schmid während seines Seminars in Weimar.
Dr. Wilhelm Schmid während seines Seminars in Weimar.

Krise der "Moderne" - Perspektiven der "Lebenskunst"

Protokoll eines Gesprächs mit Dr. Wilhelm Schmid

Ein Schlüsselbegriff des zweitägigen Seminars 'Was ist Moderne' war der Begriff der Raum-Zeit-Kultur. Worauf beruht dieser Entwurf einer anderen Moderne?

Wilhelm Schmid: Darauf, daß man prämoderne Kulturen als Kulturen des Raums bezeichnen kann. Raum deswegen, weil in prämodernen Kulturen das Leben sich im Raum organisiert. Ohne die Zeit, so wie wir sie kennen. Die Zeit ist dort eine zyklische. Da das Leben im Raum sich organisiert, es sehr viel Beharrung am jeweiligen Ort gibt, gibt es nicht so viel Bewegung wie in modernen Kulturen. Entsprechend nicht so viel Veränderung, entsprechend auch nicht so viel Verunsicherung. Die Menschen fühlen sich geborgen in ihren festen Beziehungen, die sie zueinander haben, zur Welt, zu Gott, zur Natur vor allem.

Der Moderne wäre also dann die Zeitkultur zuzuordnen?

Zeitkultur ist das, was man als Begriff für die Moderne entwerfen kann, die sehr wenig im Raum lebt. Der Raum ist beliebig durchquerbar mit technischen Mitteln, sodaß er als Erfahrung beinahe zum Verschwinden kommt. Das extreme Leben in der Zeit, Zeit, die immer genauer gemessen wird, und in der wir uns immer stärker auch gehetzt fühlen. Es hat sich gezeigt, daß diese Zeitkultur nur bedingt lebbar ist, und daß sie außerdem massive ökologische Konsequenzen nach sich zieht. Daher nun die Idee, nicht etwa die Zeitkultur gänzlich zu verlassen, das würde heißen, die Moderne gänzlich zu verlassen, und ich glaube nicht, daß jemand ernsthaft das anstreben kann. Das würde nämlich eine Menge Dinge wegnehmen, die uns das Leben etwas leichter und angenehmer machen. Nein, der Versuch, Kultur der Zeit und Kultur des Raumes miteinander zu verknüpfen. Wobei die Kultur des Raumes nun allerdings nicht einfach mehr die prämoderne Kultur ist. Sondern mit den Räumen zu arbeiten hätte, die heute die Raumerfahrung prägen können. Virtueller Raum, Transiträume, auch die Wiederentdeckung von regionalen Räumen.

Wir nähern uns dem Gedanken der Nachhaltigkeit?

Dies wäre verbunden mit der Entdeckung von Nachhaltigkeit, die in der Ökologiediskussion eine so große Rolle spielt, und die natürlich in prämodernen Kulturen das Normalste der Welt war. Nachhaltig zu sein, dauerhaft zu sein, Kontinuität zu haben, das war für prämoderne Kulturen nichts Fremdes. Wir müssen das neu entdecken und hoffentlich nicht einfach mit einer Rückkehr zur prämodernen Kultur, sondern mit einem Verhältnis zu ökologischen Zusammenhängen, so wie uns das heute eben gemäß ist. Nicht unbedingt unter Verzicht auf Eingriff in ökologische Zusammenhänge. Es geht aber um kalkulierte Eingriffe, deren Maß wir relativ genau bestimmen.

Nach welchen Maßstäben?

Verbunden mit einer Wiederentdeckung von Zyklen des Lebens und der ökologischen Zusammenhänge, die für uns moderne Menschen heute neu sind. In prämodernen Kulturen war es wiederum das normalste der Welt, innerhalb von Zyklen zu leben, dem Jahreszeitenzyklus beispielsweise. Und die Produkte hatten sowieso ihren Lebenszyklus. Wir entdecken das heute neu unter dem Stichwort, das fast lächerlich geworden ist: des Recycling. Das Wesentliche des Recycling ist aber die Rezyklierung unseres Bewusstseins. Soll heißen: Wir beginnen wieder, in Zyklen zu denken. Und das scheint mir wesentlich für eine Raumzeitkultur.

Wir bleiben in einer Kultur der Zeit, versuchen aber, Elemente der Raumkultur zu übernehmen. Ist das denkbar?

Ich kann nur hoffen, daß die Integration der Räume prämoderner Kulturen gelingt. Es ist jedenfalls ein Angebot, wenn es gut geht, an prämoderne Kulturen, die auch ja während der Moderne immer noch existieren. Wir dürfen nicht unsere Realität hier verwechseln mit der Realität der Welt. Die moderne Kultur macht etwa 20% des Planeten aus. 80% leben in prämodernen Kulturen oder in Mischformen. Diese Moderne, so wie wir sie bisher kennen, hat eine ungeheuere Durchschlagskraft für die prämodernen Kulturen. Die bisherige Erfahrung ist, daß die prämodernen Kulturen von Vernichtung bedroht sind. Die Konzeption einer Raumzeitkultur wäre die Hoffnung, eine Integrationswirkung zustande zu bekommen zwischen diesen beiden Kulturen und nicht etwa einen Ausschluß. Ob das aufgeht, da kann man skeptisch sein. Es würde mir schade erscheinen, es gar nicht erst zu versuchen.

Ein anderer wesentlicher Punkt im Seminar: Moderne Menschen sind für materiale Bestimmungen, für Sollensforderungen nicht empfänglich. Was für politische Konsequenzen hätte diese Analyse?

Man sollte sich Rechenschaft ablegen darüber, was die Grunddynamik der Moderne ist. Diese Grunddynamik läßt sich beschreiben mit dem Begriff Freiheit, Befreiung. Das ist der Schlachtruf, der tönt seit der Aufklärung und der französischen Revolution. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber auch hier galt die Priorität Freiheit. Und Freiheit hieß Befreiung. Befreiung von allem, von was man sich nur befreien kann. Befreiung von Religion, von politischer Herrschaft, Befreiung von Naturzwecken usw. Letzten Endes auch Befreiung von der Großfamilie, als dann die Kleinfamilie geschaffen war, auch Befreiung von der Kleinfamilie, sodaß wir heute an einem Zustand stehen, wo sehr viele Menschen nur noch eine Single-Existenz führen. Das sollte man wissen, um dann zu ahnen, was in der Moderne von Anfang an auch geahnt worden war: Wenn wir unter diesem Aspekt noch mit Sollens-Forderungen kommen, soll heißen, den Individuen sagen: Du sollst dies und jenes tun, dann wird uns entgegenschallen: Das geht mich nichts an. Ich bin frei, so zu handeln oder nicht so zu handeln. Ich muß nicht sollen. Das geschah von Anfang an. Kant hat schon darauf zu reagieren versucht. Er versuchte, einen nur noch formalen Sollens-Begriff in die Welt zu setzen, den die Individuen aber übernehmen sollten. Die Individuen haben genau das gemacht, was in der Moderne zu erwarten war: Sie haben gesagt, das ist uns egal, wir müssen nicht sollen, auch nicht den Kantischen kategorischen Imperativ. Die ganze Moderne bestand darin, immer neue Sollens-Forderungen aufzustellen und zu begründen. Alle sind sie gescheitert. Bis heute. Bis zum jüngsten Versuch, der von Frankfurter Philosophen unternommen worden war, Kommunikationsethik und Konsensethik zu installieren, aber wiederum als Sollensforderungen. Ich prophezeie, wir können dieses Spiel noch weiter treiben. Und wir werden erfolglos bleiben.

Hängt die Stagnation der grünen Bewegungen damit zusammen?

Eines der jüngsten Beispiele ist sicherlich ein gewisses Scheitern, ich meine nicht ein totales Scheitern, der grünen Bewegung, weil auch sie sich in diese Sackgasse treiben ließ, Sollensforderungen zu stellen an den Rest der Gesellschaft. Ihr dürft nicht den Müll wegwerfen. Ihr müßt unter 100 Sachen Auto fahren usw. Und die Individuen haben darauf geantwortet, wie sie in der Moderne immer antworten. Wir machen, was wir wollen. Wir lassen uns von euch Grünen nichts sagen. Und nun steht man da und ist ratlos.

Welche Empfehlungen lassen sich aus dieser Analyse ableiten?

Ich versuche meinerseits genau da anzusetzen, wo man seit 200 Jahren nicht ansetzen wollte, nämlich beim Egoismus der Menschen. Ich stelle keine Forderungen an Menschen. Ich erhebe keine Sollensforderungen, moralische Forderungen, sondern sage höchstens, überlege dir, worum es dir in deinem Leben geht. Es geht dir in deinem Leben wahrscheinlich um dich, um dein eigenes Leben. Man kann das, wenn man böse ist, Egoismus nennen, wenn man weniger böse ist, kann man das normales Eigeninteresse nennen. Und ausgehend davon, daß es dir um dein Leben geht, nun überleg mal, was gehört alles zu deinem Leben dazu? Da gehören andere Menschen dazu. Es ist wahrscheinlich interessanter, mit anderen Menschen zu leben als nur ganz für sich allein. Dazu gehört so etwas wie die Luft zu atmen. Darauf kann ich nicht verzichten, solange ich lebe. Dazu gehört, Wasser zu trinken. Möglicherweise gehört dazu auch, Kinder zu haben. Wobei viele moderne Menschen gerade daruf verzichten wollen. Sie befreien sich von dieser Fron, die es bedeutet, Kinder zu haben. Diese Fron wird allerdings, das kann ich als vierfacher Vater sagen, zurückbezahlt mit unendlichem Reichtum, auf den ich für keine Reichtümer der Welt verzichten möchte.

Ökologie und ein so verstandener Egoismus wären demnach durchaus kompatibel?

Es kommt die Ökologie nun in den Horizont des Eigeninteresses. D.h. ich muß nicht Sollensforderungen erheben, ich muß auch nicht mehr allzu viele Gesetze machen, die die Individuen zwingen, zu diesem und jenem. Sondern sie können selbst von sich heraus überlegen, was gehört alles dazu, und können das aus eigenem Entschluß dann realisieren. Davon erwarte ich mir eine nachhaltigere Ökologisierung der Gesellschaft, als sie geschieht mit Hilfe von moralischen Forderungen.

Das wäre der Ansatzpunkt: Lebenskunst?

Da die Menschen sich nach meiner Beobachtung sehr selten gleichgültig gegenüber ihrem eigenen Leben verhalten, manche tun das, aber das ist ihre freie Wahl, das können sie tun. Sehr vielen aber geht es um das eigene Leben, und dieses Eigeninteresse am eigenen Leben zu nutzen dafür, daß auch ein Interesse an Gesellschaft und an Ökologie zustande kommt, das scheint mir jedenfalls ein Experiment wert. Diese moralischen Forderungen sind ihrerseits ein Experiment gewesen, moralische Probleme zu lösen. Die hatten nun 200 Jahre Zeit zu experimentieren, das ist Zeit genug. Das Experiment ist gescheitert. Und nun wagen wir ein anderes Experiment.