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Weimarer Sommerkurse 2000

Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.
Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.

Die Bibel kennt leider kein "Karma"...

Auszüge aus einem Gespräch mit Prof. Paul Schwarzenau

Sie haben uns hier in Weimar viele geistige und auch materielle Spuren des Islam aufgezeigt. Wo liegen die Ursachen dafür?

Ich habe die These vertreten, die neudeutsche Kultur (gemeint: die Kultur der Weimarer Klassik bis hin zu Nietzsche) sei nicht eine christlich-abendländische Kultur, sondern eine krypto-islamische... Es gibt sich alles christlich, aber darunter verborgen ist der islamische Gehalt. Ich könnte auch sagen, der Gehalt des Orients...

Welche geistigen Traditionen halten Sie für das Thema "nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung" für besonders wichtig?

Spinoza, der Niederländer, ist der entscheidende Denker. Dieser Spinoza sieht ein ... unendlich denkendes... ein lebendiges Wesen, das aus sich selbst da ist, mit absoluter Notwendigkeit, und dann das, was in ihm ist, aus sich raussetzt, und damit Gegenreaktionen erzeugt. Wir haben es also immer nur mit Impulsen und Gegenraktionen dieses Urwesens zu tun. Und dieses Urwesen kennen wir nicht. Wir kennen es nur aus diesen Wirkungen. Aber es gibt dabei Grundsätze: Die Natur ist gleichsam die Spiegelseite dieses unsichtbaren Wesens, sodaß wir in der Natur eine gewisse symbolische Darstellung haben, und alles in der Natur stellt dieses Urwesen dar. Also nicht nur, was wir für gut und sinnvoll und zweckvoll halten. In Gott gibt es solche Begriffe wie Sinn und Zweck nicht. Alle Anthropomorphismen sind getilgt... Diese Substanz ist unerkennbar, aber ewig pulsierend, ewig schaffend, und wir sind nur Reflexe dieses Schaffens. Wir reagieren darauf wiederum nach Notwendigkeiten der Natur, sodaß der Mensch aus diesen seinen Affekten sich selbst erst erfährt und begreift... Dieser Gott sive natura von Spinoza, der taucht dann in der deutschen Philosophie in der Gottesvorstellung Fichtes auf. Das Ich setzt dem teilbaren Ich im Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen...

Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.
Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.

Welche Verbindungen gibt es zwischen dem interreligiösen Dialog und der spirituellen Dimension von Nachhaltigkeit?

Da sind wir zu folgendem Ergebnis gekommen. Ich hoffe, daß ich das einigermaßen richtig wiedergebe. Ich muß zunächst einen Begriff einführen, der bei mir religionspsychologisch eine große Rolle spielt. Das ist der Begriff der Komplementarität. Das heißt also: Es gibt für mich keine Wahrheit nur in einer Religion, und das andere ist bestenfalls eine Abschattung oder eine Verfälschung, wie das ja oft hingestellt wurde. Sondern jede Religion hat neben ihrem Eigensten auch etwas, was die anderen nicht haben, und indem sie das austauschen, kommt es zu einer Komplementarität. Und diese Komplementarität kann man eigentlich nur empfinden und entfalten, indem man miteinander die Religionsform lebt und meditiert.

Ich geh mal einfach auf die nächste Sitzung über, die war bei dem Nitschiren-Buddhisten. (gemeint: Yukio Matszdo) Er hat mich nach seinem Vortrag gefragt, was ich als Theologe dazu sage, wie nach meiner Meinung eine solche Komplementarität erfolgen kann. Er sagte: Für uns ist, was der Mensch erlebt in der jenseitigen Welt und natürlich auch hier auf der Erde, eine Folge seiner eigenen Taten. Man nennt das 'Karma'. Also man wirkt eigentlich sein künftiges Geschick selbst, das darum auch kein Schicksal ist.

Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.
Führung durch Weimarer Parks mit Prof. Paul Schwarzenau.

Und das könnten Sie als christlicher Theologe unterschreiben?

Ja, zunächst müßte ich dem natürlich widersprechen. Also daß Gott straft, Gott prüft usw. usw. Aber wenn man da mal genauer hinhört, dann liest man die Stelle..., daß Gott die Sünden der Väter an ihren Kindern bestraft bis ins dritte und vierte Glied. Das ist eine Personifizierung des Karma. Denn Gott ist der, der wirkend ist, oder bildlich gemeint ist, wenn das Karma in seine Arbeit tritt. Er schickt uns in unseren Kindern, und das sind wir selber, meinetwegen in diesem Leben oder in einem künftigen Leben, die Taten wieder zu, die wir selbst begangen haben. Da zeigte sich aber, den Begriff des 'Karma' gibt es so in der Bibel nicht. Das halte ich für einen ganz entscheidenden Nachteil. Denn dadurch können die Menschen in keiner Weise richtig mit ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft umgehen. Denn sie meinen immer, mit Reue und allem möglichen Kram, was ja nichts ändert oder in Depressionen stürzt, können sie das irgendwie wiedergutmachen. In Wirklichkeit müssen sie das, z.B. die entsprechenden Depressionen, annehmen als ein Bild des 'Karman', was über sie herfällt, also auch der Hölle...

Was erhoffen Sie sich von einem "zukunftsfähigen" interreligiösen Dialog?

Ein richtiges Gespräch im Sinne der wechselseitigen Ergänzung bringt eigentlich erst richtig heraus, was gemeint ist. Jedenfalls hat das Christentum sehr viel Deutungsmöglichkeiten aus dem Buddhismus zu empfangen... In anderen Religionen wären das wieder andere. Umgekehrt gibt es sicher im Christentum Elemente, die auch in anderen Religionen verstärkend, ergänzend wirken. Etwa die Rolle des idealen Menschen, die bei uns durch Christus symbolisch dargestellt ist, oder die Zielstrebigkeit von Alpha bis Omega...